Im Januar 2026 wurden wir bei winterlichen Bedingungen mit Schnee und Temperaturen von etwa minus 10 Grad Celsius zu einer Kontrolle auf ein Stück Schwarzwild nach einer Drückjagd gerufen. Bereits vor unserem Eintreffen waren zwei erfahrene Nachsuchengespanne im Einsatz gewesen. Beide hatten die Nachsuche jedoch mit der Begründung abgebrochen, das Stück habe „nicht viel beziehungsweise keinen Schuss“ und eine weitere Verfolgung sei daher nicht erfolgversprechend.
Der Schütze hingegen war sich sicher, dass das Stück im Moment der Schussabgabe deutlich gezeichnet hatte. Diese Aussage nahmen wir ernst, denn die Beobachtungen des Schützen sind bei einer Nachsuche oft ein wichtiger Anhaltspunkt. Wie sich später herausstellen sollte, hatte er mit seiner Einschätzung vollkommen recht.
Da mein Rüde, eine Steirische Rauhaarbracke, einige Tage zuvor bei einem Einsatz von Schwarzwild geschlagen worden war und dadurch nicht einsatzfähig war, führte ich die Nachsuche mit meiner Schwarzwälder Schweißhündin Lotte durch.
Wir begannen die Vorsuche am langen Schweißriemen. Lotte arbeitete den Anschuss sofort sauber aus und zeigte ihn eindeutig an. Dort konnten jedoch lediglich einige wenige Schnitthaare beziehungsweise Borsten gefunden werden. Schweiß war zunächst überhaupt nicht vorhanden. Trotzdem nahm Lotte die Fährte entschlossen an und arbeitete konzentriert weiter.
Die Suche entwickelte sich schnell zu einer außergewöhnlich langen und anspruchsvollen Nachsuche. Nach etwa 4,5 Kilometern fanden wir endlich die erste kleine Bestätigung. An einem Ast war eine minimale Menge Schweiß abgestreift – kaum sichtbar, aber ausreichend, um den bisherigen Fährtenverlauf zu bestätigen.
An dieser Stelle legten wir eine kurze Pause ein. Der Jagdaufseher organisierte telefonisch heißen Kaffee, belegte Brötchen, Wasser sowie eine kleine Stärkung für den Hund. Diese kurze Erholung tat Mensch und Hund gleichermaßen gut, bevor wir die Nachsuche fortsetzten.
Im weiteren Verlauf arbeitete Lotte weiterhin mit großer Konzentration und absolutem Willen. Ehrlich gesagt folgte ich ihr zwischenzeitlich mit einem gewissen Misstrauen. Aufgrund der äußerst wenigen Pirschzeichen stellte ich mir immer wieder die Frage, ob wir tatsächlich noch auf der richtigen Fährte waren. Doch Lotte lag ununterbrochen stramm im Riemen und zeigte mir mit ihrer sicheren Arbeitsweise immer wieder, dass sie von ihrer Fährte überzeugt war.
Ich sagte mir immer wieder, dass ich meinem Hund vertrauen müsse – so wie bei vielen erfolgreichen Nachsuchen zuvor. Genau dieses Vertrauen sollte sich erneut auszahlen.
Nach weiteren 3,8 Kilometern Riemenarbeit änderte sich die Situation schlagartig. Lotte stellte plötzlich vor einem großen Weißdornbusch die Nackenhaare auf und begann den Busch laut zu verbellen. Im nächsten Moment kam Bewegung in das Dickicht und ein ansehnlicher Keiler brach aus dem Busch.
Der Keiler nahm sofort den Hund an. Dank ihrer Erfahrung hielt Lotte jedoch den nötigen Sicherheitsabstand und band das Stück mit klugem Verhalten. Im gleichen Augenblick wechselte der Keiler seine Angriffsrichtung und ging auf meinen Begleiter los. Dieser konnte sich geistesgegenwärtig hinter einen Baum retten.
In diesem entscheidenden Moment gelang es mir, einen ersten Fangschuss anzutragen. Der Keiler sprang daraufhin noch etwa 10 bis 15 Meter weiter, bevor er zum Liegen kam. Lotte stellte das Stück sofort erneut und band es sicher am Platz, sodass ich einen zweiten Fangschuss anbringen konnte. Erst dadurch konnte der Keiler endgültig erlöst werden.
Bei der anschließenden Untersuchung stellte sich heraus, dass die vom Schützen beschriebene Zeichnung tatsächlich auf einen Laufschuss im unteren Bereich zurückzuführen war. Diese Verletzung erklärte auch, weshalb während der gesamten Nachsuche so gut wie keine Pirschzeichen und nahezu kein Schweiß zu finden gewesen waren.
Nach dem Aufbrechen brachte der Keiler ein beachtliches Gewicht von 87 Kilogramm auf die Waage. Der Schütze hatte das Stück zuvor lediglich auf 25 bis 30 Kilogramm geschätzt. Auch dies zeigt eindrucksvoll, wie schwierig die Beurteilung eines flüchtigen Stückes unmittelbar nach der Schussabgabe sein kann.
Diese Nachsuche hat erneut deutlich gemacht, wie unverzichtbar gut ausgebildete Nachsuchenhunde für eine waidgerechte Jagdausübung sind. Trotz extremer Witterungsbedingungen, einer Fährtenlänge von insgesamt rund 8,3 Kilometern, nahezu fehlender Pirschzeichen und zwei zuvor erfolglos abgebrochenen Nachsuchen führte die konsequente und konzentrierte Arbeit meiner Schwarzwälder Schweißhündin Lotte schließlich zum Erfolg.
Sie hat einmal mehr bewiesen, dass Vertrauen in einen hervorragend ausgebildeten Hund der wichtigste Schlüssel zu einer erfolgreichen Nachsuche ist. Solche Einsätze zeigen eindrucksvoll, welchen unschätzbaren Wert leistungsstarke Nachsuchengespanne für den Tierschutz, die Waidgerechtigkeit und eine verantwortungsvolle Jagdausübung besitzen.

Frank Mackrodt
Anerkannte Schweißhundestation
Herdecke

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